Märchenstunde im Parlament

Am Montag, den 20. November, gehen die Berliner Märchentage in die nächste Runde. Tagsüber lesen Daniel Buchholz (SPD) und Dirk Behrendt (Justizsenator, Grüne) Kindern Märchen vor. Abends wird die Goldene Erbse, ein Preis, vergeben. Tolle Sache, denkt ihr? Stimmt. Nur leider darf nicht jeder mitmachen. Die Berliner Märchentage dienen dazu, schon die ganz Kleinen auf Obigkeitshörigkeit zu trimmen und sie zu “guten Staatsbürgern” im rot-grünen Multikulti-Gemeinwesen zu erziehen. Deshalb darf nicht jeder bei den Märchentagen etwas vorlesen. Wo kämen wir denn da hin?

Auch ich habe eine Märchenstunde für Kinder im Berliner Abgeordnetenhaus veranstaltet. Dabei habe ich ihnen Geschichten vorgelesen. Leider mussten wir auf dem Boden sitzen. Es gab keinen Raum für uns. Aber es gibt schlimmeres, als auf dem Boden zu sitzen.

Wie ist es dazu gekommen? Im Sommer haben sich der Verein, der die Berliner Märchenstunde organisiert, und das Abgeordnetenhaus bei mir gemeldet. Ich wurde angefragt an einer Lesung mit Kindern teilzunehmen. Natürlich habe ich zugesagt. Eine Vertreterin des Vereins und ich einigten uns per Email auf den 17. November.

Ich zitiere aus einer unzweideutigen Email:

Sehr geehrter Herr Gläser,
vielen Dank für Ihre Rückmeldung hinsichtlich der 28. Berliner Märchentage.
Ich habe Sie als Vorleser am Freitag, den 17. November 2017 von 10:00 – 11:00 Uhr im Festsaal eingeplant.
Bitte bestätigen Sie mir diesen Termin kurz.
Alle weiteren inhaltlichen Absprachen und Vorschläge für Märchen finden direkt durch den Organisator  Märchenland e. V. statt.
Ich werde Ihre E-Mail-Adresse weiterleiten, so dass Märchenland Sie kontaktieren kann.
Ich bedanke mich schon im Voraus für Ihr Engagement in Bezug auf die diesjährigen Märchentage und stehe für Rückfragen gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen, XY

Ich sollte den Kindern ein Märchen meiner Wahl vorlesen. So weit, so gut. Der Verein hat zwischenzeitlich ein 170seitiges Heft gedruckt, in dem sehr viele Termine mit Abgeordneten, Prominenten und so weiter aufgelistet sind. Es gibt jeden Tag irgendwo in Berlin und Brandenburg so eine Lesung. Mein Termin ist bis heute (19. November 2017, 13 Uhr) im offiziellen Terminkalender aufgeführt.

Gedrucktes Programmheft mit Terminankündigung

Der Verein ist 100%ig obrigkeitshörig. Das Vorwort stammt von unserem Regierenden Bürgermeister Michael Müller. Weitere acht (von zehn) Senatoren haben Grußworte geschrieben. Im Abgeordnetenhaus waren zehn Lesungen angesetzt, davon sieben mit Vertretern von Regierungsparteien und drei mit Vertretern der Opposition aus CDU, AfD und FDP.

Parlamentsdrucksache vom 2. November mit Terminankündigung

Einen der Oppositionsabgeordneten hat der Verein unter fadenscheinigen Gründen eliminiert, nämlich mich. Nachdem die Parlamentsverwaltung am 2. November diesen Termin öffentlich gemacht hat, teilte mir der Verein am 3. November überraschend mit: Ihre Veranstaltung fällt aus, da sich keine Kinder dafür angemeldet haben.

Ich kenne die genauen Abläufe bei den Märchentagen nicht. Ich vermute aber: Die wenigsten Schulklassen werden sich explizit für einen bestimmten Abgeordneten anmelden. Die werden einfach von ihren Schulen angemeldet und dann von dem Verein einem Vorleser zugeteilt.

Vermutlich haben einige hier im Haus in der Parlamentsdrucksache am 2. November gesehen, dass ein AfD-Abgeordneter zu den Märchentagen eingeladen worden ist, und Schnappatmung bekommen. Da kann er die Kleinen mit seiner völkischen Propaganda indoktrinieren! Von diesem Trauma werden die sich niemals erholen! Lass uns schnell eine Ausrede erfinden, warum sein Vortrag ausfällt: Sag einfach, es habe sich keiner angemeldet – und fertig.

So könnte es gelaufen sein.

Wir – neben mir war auch der Abgeordnete Frank Schermesser (Foto unten) betroffen – haben uns in dieser Situation gedacht: Na gut, dann machen wir eben unsere eigene Märchenstunde. Der Raum, der dafür vorgesehen war (Festsaal), ist ja jetzt frei. Doch weit gefehlt. Als wir ihn nutzen wollten, teilte  uns die Verwaltung hier mit, er sei dafür ungeeignet und außerdem belegt. Also ein externer, Senats-naher Verein kann den Festsaal mieten, aber wir nicht. Interessant.

Also haben wir einen anderen Raum bestellt. Dazu belegte Brötchen, Wasser und Kaffee für die Eltern, wobei die Fraktion solche Sachen selbst bezahlen muss. Wir kriegen hier im Haus nichts geschenkt. Aber auch diese Lösung wurde wieder verworfen. Die Verwaltung teilte uns abermals mit, dass der Raum 376, in den wir gehen wollten, nicht zur Verfügung steht, weil „in einem angrenzen Raum“ eine Veranstaltung stattfinde. Das ginge nicht. Und das ist ihnen sehr spät eingefallen. Sie haben uns vorgeschlagen, einen anderen Tag zu wählen, was eine Frechheit ist. Sie wissen ganz genau, dass wir zu genau diesem Tag eine Veranstaltung planen. Der Inhalt und die Einladungen in den sozialen Netzwerken waren ihnen bekannt, sie haben ja sogar daran herumgenörgelt, dass ein Bezug zu unserer Parlamentsarbeit nicht zu erkennen sei bei einer Märchenstunde. (Andere Parteien dürfen einfach “Tagungen” anmelden, während wir immer explizit den Grund für unser Treffen angeben müssen. Ungenauigkeiten werden nicht akzeptiert.)

Ich halte mal fest: Ein regierungsnaher Verein darf mit regierungstreuen Abgeordneten Märchenstunden im Berliner Abgeordnetenhaus abhalten. Aber die gewählten Vertreter einer Oppositions-Partei, die 230.000 Stimmen erhalten hat, dürfen das nicht.

Ich will an dieser Stelle nicht wieder nur klagen. Ja, so ist Politik. Vor wenigen Tagen wurden in dem Brandenburger Provinznest Lebus ein AfD-Mann zum Bürgermeister gewählt. Auch mit den Stimmen von CDU und Linkspartei. Doch dann gab es einen Aufschrei. Jemand fand einen Formfehler, und plötzlich war diese Bürgermeisterwahl ungültig. Im Bundestag sollte eigentlich unser Abgeordneter Albrecht Glaser die erste Sitzung als Alterspräsident eröffnen. Um das zu verhindern wurde eigens die Geschäftsordnung des Bundestages geändert. Danach wurde ihm der Vizeposten verwehrt. Und hier im Abgeordnetenhaus wurden gerade zwei bereits gewählte Ausschussmitglieder von uns in zwei wichtigen Parlamentsausschüssen wieder abgewählt, weil die Mehrheitsfraktionen einen Vorwand gefunden haben, uns jeweils ein Auschussmitglied abzuknöpfen.

Es finden sich immer Wege, die Opposition zu behindern. Das falsch ausgefüllte Formular ist die schärfste Waffe in der Hand des Bürokraten.

Deswegen musste ich heute den Kindern auf dem Boden sitzend Märchen vorlesen wie „Des Kaisers neue Kleider“.

Das Märchen paßt gut in unsere Zeit. Die Kinder werden diese Analogie erst später verstehen. Aber Erwachsene erkennen schon heute: Herrschaftsmechanismen funktionieren nur, wenn alle mitmachen. Das ist eine Lehre aus dem Märchen. Deswegen müssen Oppositionelle wie die Alternative für Deutschland zum Schweigen gebracht werden. Damit keiner ruft: Der Kaiser ist nackt.

Und außerdem werden uns auch heute jeden Tag neue Lügen aufgetischt wie in dem Märchen. Die größte Lügengeschichte ist die von Diversity. Von Multikulti. Von Vielfalt. Denn in Wirklichkeit ist es so: Wenn wir zur Vielfalt der Gedanken kommen, zur diversity of thoughts – dann wollen die Herrschenden plötzlich nichts mehr davon wissen.

Dann ist Vielfalt böse. Dann sind Einheitsmeinung und Klappe halten gefragt. Bloß nicht auffallen. Lass mal Mutti machen, die weiß alleine, wo es langgeht.
Das machen wir nicht mit.

Wir lassen uns nicht einschüchtern.

Wir sagen Mut zur Wahrheit. Mut zur blauen Märchenstunde.

Märchenstunde im Parlament
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