Vor- und Nachteile der Digitalen Revolution

Ist der atemberaubende Aufstieg der neuen, alternativen Medien gar nicht so groß? Dominieren vielleicht doch weiterhin die alten, klassischen Medienhäuser die öffentliche Meinung? Roland Pimpl präsentiert Zahlen, die dafür sprechen, dass trotz Niedergang der Mainstreampresse, weiterhin Bild und Co. den weitaus größeren Einfluß auf die Meinungsbildung haben.

Zwar haben die Verlage sowohl in prozentualen als auch in absoluten Zahlen massiv an Auflage verloren. Doch sie machen trotzdem weiterhin erfolgreich Geschäfte mit teilweise wachsenden Umsätzen, erreichen weiterhin ein Millionenpublikum. Und vor allem: Neue Anbieter von rechts bis links, also von Junge Freiheit und Tichys Einblick bis hin zum Freitag profitieren nur ganz gering vom Glaubwürdigkeitsverlust und Auflagerückgang der großen Konkurrenten.

Geburtstagsfeuerwerk am Ostseestrand

Die Zahlen lassen sich nicht widerlegen. Auf der anderen Seite ist eines aber auch klar – unabhängig von Auflage-, Klick, und Umsatzzahlen: Durch die digitale Revolution hat sich das Informationsverhalten der Deutschen massiv verändert, die sämtlichen etablierten Medien immer weniger glauben. Das läßt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Doch dieser Glaubwürdigkeitsrückgang geht einher mit einer wachsenden Kritik an den herrschenden Zuständen. Und das ist schon eine kleine Revolution, weil es auch politische Umwälzungen wie den Aufstieg der AfD gefördert hat.

Pimpls Vortrag und seine überraschende Arbeitsthese waren einer der Höhepunkte auf der vierten Konferenz von Eigentümlich frei in Zinnwitz am zweiten Januarwochenende. Das Magazin feierte seinen zwanzigsten Geburtstag mit einer Reihe von Vorträgen über die aktuellen Entwicklungen der Medienlandschaft.

Der Ost-Lehrer wollte nicht glauben, dass Breschnew tot ist

Sascha Tamm kritisierte die Überwachung in den Sozialen Netzwerken und beantwortete sich folgende Frage: „Sollte Gruppen bestimmte Rechte haben? Nein, denn nur einzelne Menschen sollten bestimmte Rechte haben. Dass wir darüber reden, dass bestimmte Gruppen bevorteilt oder benachteiligt werden, dieser Diskussion sollten wir uns konsequent entziehen. Es ist besser sich individualistisch zu orientieren.“

Er zerlegte das ganze gedankliche Konzept Hate Speech wie folgt: „Was ist denn überhaupt Volksverhetzung? Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen? Was soll das denn heißen? Dass jemand das Volk verhetzt, damit es den Autoritäten nicht mehr folgt? Das Gesetz müsste abgeschafft werden.“

Am Ende erzählet eine wunderbare Geschichte aus dem real existierenden Sozialismus. Er sprach davon, wie er am 11. November 1982 vom Tod Breschnews erfahren hat. Damals bezeichnete sein Lehrer die Aussagen von Mitschülern, die das als erste meldeten, als „westliche Provokation“. Erst als wenige Augenblicke später eine Fahne auf Halbmast am Gebäude des Zentralkomitees der SED zu sehen war, erlaubte er die Abnahme der roten Nasen (Fasching), weil er diesem Gerücht jetzt plötzlich Glauben schenkte. Wenig später standen alle auf Schulhof und sangen ein Lied in Erinnerung an den sowjetischen Diktator. „So schnell hat er die Realität anders wahrgenommen, weil eine Weisung von oben kam”, so Tamm.

Es hat sich nicht viel geändert seit damals.

Hervorheben will ich aber einen anderen Vortrag. Luis Pazos befasste sich mit der Frage, ob Amazon, Google und Wikipedia gefährlich sind. Er begann mit einer – aus meiner Sicht – bahnbrechenden Neuinterpretation der Gründungsgeschichte Roms:

Wölfin säugt Romulus und Remus, Quelle: Jean-Pol Grandmont/Wikipedia mit CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Romulus und Remus, die von einer Wölfin großgezogen worden sind, stehen für zwei Arten von Führern. Romulus ist der Unternehmer, Remus der (sozialistische) Politiker in dem Waisen-Duo. Romulus’ Name ist eine Verniedlichungsform. Er nimmt sich selbst zurück. Mehr Sein als Scheinen. Understatement. Aber ein Macher-Typ. Remus’ Name hingegen könnte von Supremus abgeleitet sein: der Höchste. Ein Wichtigtuer.

Romulus baut eine Mauer um Rom. Remus macht sich darüber lustig. Sie sei nicht hoch und stark genug. Er springt darüber, um zu zeigen, dass sie nicht dazu taugt, die Stadt vor äußeren Feinden zu schützen. Romulus wird daraufhin sauer und erschlägt Remus.

Eine Überreaktion? Nein. Die Mauer war gar nicht dafür da, die Stadt nach außen zu verteidigen. Sondern sie war Einfriedung. Sie sollte die Eigentumsverhältnisse innerhalb der Stadt klarstellen. Wer dagegen verstieß, der musste mit dem Leben bezahlen. Romulus hat im Namen von Recht und  Eigentum dem (potentiellen) Feudalherren den Kampf angesagt. Wer sich über die Eigentumsrechte der Bewohner der Stadt hinwegsetzt, muss mit dem Tod rechnen. Das war die Botschaft.

Die Gründung Roms als Akt gegen die Willkürherrschaft

Pazos berichtet – und das war das eigentliche Thema – über Big Data und die wachsende Überwachung durch die neuen Medien. Beispiel: digitale Krankenakte. In Dänemark sind sie schon einen Schritt weiter. Es gibt eine verpflichtende Anmeldung mit einer Opt-out-Klausel. 66% der Dänen sind bereits erfasst. Die Zustimmungsrate liegt bereits  bei 80-90%. Daliegt auch daran, dass Mortalität, Fehlbehandlungen etc. erheblich gesunken sind.

Luis Pazos

Das wird bei uns auch kommen. Die Kanzlerin hat den dänischen Erfinder dieses Systems bereits zu sich eingeladen, um sich von ihm inspirieren zu lassen. Bevor wir uns jetzt über die Dänen ärgern, sollten wir uns damit auseinandersetzen, dass wir selbst Datenschleudern sind. “Jede Taschenlampe hat Zugriff auf Kontaktdaten. Uber kennt alle Seitensprünge”, so Pazos. Andere Seiten könnten Phychogramme erstellen. Fitnessbänder übermitteln Vitaldaten an Datenkraken.

In China führen sie jetzt ein Punktesystem für alle Bürger. Ein Sozialkonto, dass erwünschte Verhaltensweisen herbeiführen soll. Die Daten kommen von chinesischen Firmen wie Facebook, Google, Amazon. Damit soll über Beförderungen, Degradierungen, Urlaubsanträge, Kreditanträge etc. entscheiden können. Der Weg in den totalen Überwachungsstaat scheint vorgezeichnet.

Datensparsamkeit und Verzicht auf Vernetzung als Gegenstrategien

Wir können darauf nur mit Datensparsamkeit und Zurückhaltung der Digitalisierung-über-alles-Euphorie gegenüber reagieren, wenn wir die unsere Privatsphäre und unser ganzes Leben, wie wir es kennen, bewahren wollen.

Diese Einschätzung untermauerte auch Carlos A. Gebauer am Ende noch einmal in seiner kurzen Abschlussrede. Die neue Unterscheidung sei nicht öffentlich oder privat, sondern digital oder privat. Denn: “Entweder etwas ist privat. Oder ich mache es digital, dann steht es potentiell an jeder Wand, und jeder kann es lesen.”

Die Digitalisierung führe auch zu einer Ausbreitung der Totalitarisierung, des totalen Staates. “Die anderen” drängten sich in private Lebensbereiche und versuchten diese zu steuern. Daraus folge: Wir dürfen uns nicht von der Cloud abhängig machen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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