Darum würde ich gerne mal die Krim besuchen

Ukrainische Flüchtlinge aus der Nähe von Lugansk in einem Heim bei Kiew (2014)

Im Jahr 2014 hatte ich zweimal die Gelegenheit die Ukraine zu besuchen. Zuerst war ich auf dem Maidan. Später habe ich Flüchtlinge besucht, die durch den Konflikt mit Rußland ihre Heimat verloren haben. Beide Reise waren privat. Wirklich.

Bei der Dauer-Kundgebung im winterlichen Kiew konnte ich mir die Rebellen gegen die Janukowitsch-Regierung ansehen. Es war ein bunter Haufen von Demonstranten, der sich auf dem Boulevard niedergelassen hatte. Er reichte von normalen Bürgern über scheinbar bezahlte Revoluzzer der Partei von Vitali Klitschko bis hin zu vermummten Gestalten, die zum berüchtigten rechten Sektor zu gehören schienen. Und bestimmt hatten auch westliche Geheimdienste ihre Leute dort.

Gespräch mit orthodoxen Priestern auf dem Maidan (2014)

Egal, wie groß der Einfluß von westlichen Diensten auch gewesen sein mag: Der Unmut gegen die Janukowitsch-Regierung wäre auch ohne diese vermeintliche Anstachelung durch Dritte groß genug gewesen. Der Präsident lebte auf großem Fuß in gewaltigen Palästen, was viele Normalbürger, die angesichts von Steuerlast und Korruption ächzen und die seit Jahren zusehen müssen, wie ihr Land gegenüber allen Nachbarstaaten ins Hintertreffen gerät, anmaßend fanden. Der Unmut war zum Greifen nah.

Ich suchte (und fand) sofort Kontakt zu Geistlichen mehrerer Konfessionen, darunter v.a. mit Vertretern der ukrainisch-orthodoxen und der katholischen Kirche. Ich interessierte mich dafür, wie sie die vielen Demonstranten, die aus allen Landesteilen zusammengekommen waren, unterstützten. Sei es seelsorgerisch oder durch das Stellen von Unterkünften und Verpflegung.

Einen Tag nach meiner Abreise eskalierte die Situation in Kiew. Schüsse, Tote, Revolution. Janukowitsch und seine Leute mussten abtreten.

Ein halbes Jahr später hatte sich das Blatt mächtig gewendet: Es gab eine neue Regierung, aber inzwischen hatten die Russen ihren Coup auf der Krim gelandet und die Halbinsel, die überwiegend von Russen bewohnt ist, annektiert. Als flankierende Maßnahme haben sie in Grenzregionen wie Donezk und Lugansk Separatisten bewaffnet, die die ebenso schlecht ausgebildete wie bewaffnete Armee der Ukrainer in blutige Gefechte verwickelt. Eine Situation, an der sich bis heute nicht viel geändert hat. Regelmäßig gibt es Kämpfe mit Toten in diesen Separatistengebieten.

Kleiner Krimtatare (im Exil) zeigt auf sein Heimatdorf (2014)

Diesmal besuchte ich Flüchtlingsheime in Kiew und Umgebung. Zehn- oder Hunterttausende (!) waren auf der Flucht. Sie blieben im Land, mussten aber Haus und Hof verlassen. Ich traf Ukrainer aus den Separatistengebieten, die über die Willkür der neuen Machthaber klagten. So erzählte mit ein Familienvater, wie die Separatisten einfach Checkpoints einrichteten, wo sie dann jeden nach Lust und Laune abkassierten. Eines Tages wurde die Gewalt im Dorf gegen diejenigen, die wegen ihrer pro-ukrainischen Haltung bekannt waren, so groß, dass er mit seiner Familie Reißaus nahm. Er lebte zu diesem Zeitpunkt mit Frau und mehreren Kindern in einem Heim bei Kiew unter sehr beengten Zuständen – in einem leerstehenden Gemeindehaus.

Oder der kleine Junge von der Krim, der mit seiner Familie in einem Schullandheim in der Nähe von Kiew untergebracht war. Er zeigte mir auf der Karte, wo das Dorf war, in dem seine krimtatarische Familie seit Generationen gewohnt hat. Sie musste fliehen, weil die Verhältnisse mit der Machtübernahme durch die Russen für sie unangenehm wurden. Die Krimtataren haben im Zweiten Weltkrieg tapfer an der Seite der Wehrmacht gekämpft und dafür einen sehr hohen Preis gezahlt. Jetzt sind sie also schon wieder auf der Seite der Verlierer.

Krimtataren haben hohen Preis für Bündnis mit Deutschland gezahlt

Der Sieger schreibt die Geschichte. Das kennen die Krimtataren schon. Trotzdem sollte sich jeder, der sich ein Bild von der Wirklichkeit machen will, selbst genau hinschauen – und nicht nur konsumieren, was ihm Geheimdienste, Staatsmedien, Lehrer und andere Propagandisten als Wahrheit vorsetzen.

Zur Wahrheit gehören Tatsachen wie diese: Die Krim war mehrheitlich russisch besiedelt. Und vermutlich hätten die Krimbewohner auch bei einem Referendum nach unseren Standards für eine Zugehörigkeit zu Russland gestimmt. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Rußlandsanktionen der deutschen Wirtschaft schaden und wenig bis nichts bei den Russen bewirken.

Billy Six auf dem Maidan (2014)

Andererseits können wir die Augen nicht vor diesen Dingen verschließen: In Russland ist es um die Presse- und Meinungsfreiheit nicht so bestellt wie bei uns. Wer sich über die Manipulation durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Finanzierung der Antifa durch den Staat ärgert, kann nicht so tun, als würden Oppositionellen in Russland alle Möglichkeiten offenstehen. Dissidenten haben einen schweren Stand. Unabhängige Medien gibt es kaum. Wer nicht zum Klüngel der Machthaber dazugehört, dem rückt das Finanzamt auf den Pelz, er riskiert Lagerhaft oder Schlimmeres. Und nicht zuletzt: Auch die Ukraine hat ein Recht auf Selbstbestimmung. Wer das für sein Land einfordert, kann es anderen Ländern schlecht verwehren.

Billy Six hat sich selbst ein Bild von den Ereignissen gemacht

Ich selbst würde auch gerne mal auf die Krim fahren. Privat. Undercover. Um zu sehen, wie es dort wirklich bestellt ist um Meinungs- und Pressefreiheit. Um Minderheitenrechte. Ungefähr so wie mein Freund Billy Six, der 2014 und danach mehrfach in die Ukraine und auch auf die Krim gereist ist und in unzähligen Artikeln ein sehr differenziertes Bild von Ukrainern, Russen, Putin und Maidan-Krise gezeichnet hat. Zum Beispiel hier. Und hier. Oder hier. Billy Six würde es sich als der Wahrheit verpflichteter Reporter nicht so einfach machen, dass er sich auf die eine oder andere Seite schlägt und sagt: „Das ist die einzige Wahrheit.“

Mut zur Wahrheit heißt, die Dinge kritisch zu hinterfragen, die ich sehe. Das gilt insbesondere für Teilnehmer von organisierten Reisegruppen. Wer sich als Journalist „embedden“ läßt, sieht immer nur das, was er sehen soll. Deswegen sollte sich jeder den folgenden Satz von Noam Choamskys merken: „Wer sagt, er sei ein eingebetteter Journalist, der sagt: Ich bin ein Regierungspropagandist.“

Darum würde ich gerne mal die Krim besuchen

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